Weihnachten
Vielleicht nenne ich das aber auch immer nur als Grund, weil das in unserer
Gesellschaft eher akzeptiert wird und so nicht alle versuchen, mich davon zu
überzeugen, dass Weihnachten doch „so schön sein kann“. Wahrscheinlich ist
es wohl eine Mischung aus verschiedenen Dingen. Was viele als
Weihnachtsstimmung und die Vorfreude darauf bezeichnen, war mir schon als
Kind eher fremd.
Als Kind haben wir Weihnachten gefeiert. Zu uns kam das Christkind, den
Weihnachtsmann kannten wir nur aus dem Fernsehen und von Freunden. Ich
habe nie verstanden, weshalb die Einen an ein Kind und die Anderen an einen
alten Mann glauben. Schon Wochen vor Heiligabend haben mein Bruder und
ich unsere Wunschzettel geschrieben. Obwohl, wirklich geschrieben haben wir
dabei wenig, unsere Mutter hat uns Versandhauskataloge gegeben, aus
denen wir Bilder ausgeschnitten und diese aufgeklebt haben. Die meisten
Bilder blieben Wünsche. Eigentlich kann ich mich nicht erinnern, ob auch nur
eines davon Wirklichkeit wurde. Wir hatten damals nicht so viel Geld.
Meine Mutter hat sich Mühe gegeben, um uns ein schönes Fest zu bescheren,
das weiß ich heute. Da sie viel gearbeitet hat, war sie meist müde, wenn sie
zu Hause war. So war es die Aufgabe von meinem Bruder und mir am 24. den
Tannenbaum zu schmücken. Das fand ich immer toll und ich besuche ihn und
meine Schwägerin auch heute noch an Heiligabend, um beim
Baumschmücken dabei zu sein. Natürlich würde ich ihm nie sagen, warum ich
'spontan' in der Gegend bin und mein Bruder tut so, als sei ich wirklich nur
zufällig da. Aber ich weiß, wie wichtig ihm dieser Brauch ist.
An Heiligabend haben wir immer Kartoffelsalat und Würstchen gegessen, in
der Küche, die Stube war tabu. Irgendwann ist meine Mutter dann auf die
Toilette gegangen und kurz nachdem sie zurück war, sagte sie, dass sie
glaube, das Christkind gehört zu haben. Für meinen Bruder und mich war das
der Startschuss. In der Stube war es dunkel, nur die elektrischen Kerzen am
Baum spendeten ein wenig Licht. An Weihnachten lief unsere Heizung auf
Hochtouren. Ich weiß nicht mehr, ob sie den ganzen Winter lief, ich erinnere
mich allerdings sehr genau an den Geruch an Heiligabend, dem von
Heizungsluft, vermischt mit dem der Tanne und diversen Weihnachtsöl-
Duftlampen. Für das Drumherum hatten mein Bruder und ich nur wenig
Interesse, wir haben uns sofort auf die Geschenke unter dem Baum gestürzt.
Danach ging meine Mutter meist recht schnell ins Bett und wir Kinder haben
noch ewig mit unseren Sachen gespielt und uns gestritten, wer von uns die
schöneren Geschenke hat.
Wenn ich heute zurück blicke, dann erinnere ich mich daran, dass
Weihnachten für mich immer mit einem tiefen Gefühl von Traurigkeit
verbunden war. Das ist bis heute so geblieben. Ich weiß nicht so genau,
woran das liegt. Vielleicht weil wir kein klassisches Familienleben hatten und
ich so was nur von Freunden kannte. Ich habe mich viele Jahre durch die
unsäglichen Feiertage gequält, meist zu Besuch bei meiner Mutter. Wir haben
uns angelächelt und so getan, als wäre alles gut. Das habe ich meist nur ein
paar Stunden ausgehalten, um dann um so schneller wieder nach Hause zu
fahren und mich zu verkriechen. Irgendwann wollte ich das nicht mehr. Ich
habe es gewagt, mich aus diesem ganzen Getue zurück zu ziehen und bin
froh, dass ich so drei Tage nur für mich und zur freien Gestaltung habe.
Ein komischer Beigeschmack bleibt trotzdem, denn so ganz kann ich dem
Weihnachtswahn in unserer Gesellschaft ja nun doch nicht entfliehen.








